Neulich beim Achtelfinale

Konflikt-Stories aus dem Alltag

Dienstag, 2. Juli, 21:00 Uhr. Das EM-Achtelfinale Österreich gegen die Türkei. Millionen von Menschen quer durch die Weltgeschichte verteilt, sitzen voller Erwartung auf Ihren Plätzen. Am Sofa, im Public-Viewing, im Krankenhaus oder in der Hotellobby. Ein Spiel – oder vielmehr ein Trainer (noch dazu ein Deutscher) – vereint plötzlich Millionen von Menschen, Kulturen, Religionen und Generationen. Alle in völliger Harmonie. In diesem Moment. Nur in mir keimt mehr und mehr ein Konflikt. Ein Konflikt, der losgelöst ist von dem Ergebnis dieses Spiels. Ein Konflikt, der weit darüber hinaus geht. 

Mein Gastbeitrag bei Proconsens

Machen wir einen Schritt in die Vergangenheit. Ich würde mich nicht als Fußball-Fan bezeichnen. Das könnte jetzt durchaus bereits ein Konflikt für manche sein. Nicht für mich und mein Umfeld. Ich verfolge die Fußball-EM high-level. Kenne meist den Spielstand, weiß, wer wann spielt, bin interessiert an den Wettergebnissen meiner Freund:innen. Freue mich mit und für Österreich. Spiel hatte ich bis dato noch keines aufmerksam verfolgt. Aber dann lese ich im Standard den Artikel „Der Traumfänger – Mit Ralf Rangnick als Trainer ist bei Österreichs Nationalelf die Euphorie zurück.“ Und plötzlich werde ich hellhörig.

Ich lese quer durch alle Medien, wie Rangnick das Team coacht, trainiert, formt. Wie er – eine einzige Person – die vermutlich stärkste Einheit bei der EM geschaffen hat. Dem österreichischen Nationalteam traute man plötzlich alles zu. Die Spieler waren dieselben. Aber die Performance, das Miteinander und die kontinuierliche Entwicklung waren eine völlig andere. Und plötzlich wurde ich zum Fußball-Fan. Weil uns dieser Trainer so vieles verdeutlicht. Und da war dieser Konflikt in mir.

Da sitze ich vor dem Fernseher völlig begeistert und frage mich: Wieso ist es nicht möglich, aus jeder Gruppe so ein Team zu formen? Und da meine ich keineswegs nur den Sport, sondern Führungsteams, Bereiche, Abteilungen und Projektteams (die Königsdisziplin für Teamentwicklung), und natürlich auch Schulklassen- und Familien-Konstrukte. Warum ist es uns nicht möglich, all das, was uns Rangnick so deutlich präsentiert, in den Alltag zu integrieren? Wieso können wir nicht Schritt für Schritt von ihm lernen? Er ist der Inbegriff des perfekten Führers, Trainers, Coaches und Mentors. Die Ergebnisse sprechen für sich.

Die Art und Weise, wie er mit (vermeintlichen) Niederlagen und Erfolgen umgeht. Wie sein Team auf ein Tor nach 57 Sekunden reagiert. Keine Schockstarre, keine Verzweiflung, sondern professioneller Fußball. Wie sie trauern. Wie sie feiern. Wie kurz, oder wie lang. Wieso ist es uns nicht möglich, all das auch in unseren Teams zu leben? Wieso legen Unternehmen (oder Schulen und Familien) keinen oder kaum Wert darauf, Teams zu formen?

Ich habe bereits viele Großprojekte geleitet, aber nicht ein einziges Mal gab es Budget oder Zeit für die Entwicklung des Teams. Wieso legen Unternehmen keinen Wert darauf, genau das zu erreichen, was Rangnick uns präsentiert? Eine Einheit. Wieso glauben Unternehmen, die verschiedensten Arbeitsmodelle lösen alle Probleme? Das tun sie nicht, wie wir alle wissen. Denn das, was Probleme löst, sind starke Teams. Starke Einheiten. Und was noch viel schlimmer ist, wieso enthalten wir den einzelnen Menschen diese Entwicklung vor?! Diese Freude. Diese Begeisterung. Die Erfolge, die dadurch entstehen. Für jeden Einzelnen, das Team und das Unternehmen. Diese Entwicklung, die nur durch gute Führung, Coaching und Mediation möglich ist. Aber wo ansetzen und wo aufhören?

Und da keimt gleich der nächste Konflikt in mir auf. Wie sehen meine eigenen beruflichen und privaten Teams aus?

  • Bin ich voll und ganz in meiner Energie? Jeden Tag mehr.
  • Kann ich so wachsen, wie es gut für mich ist? Da geht noch mehr.
  • Hält mich jemand klein? Endlich nicht mehr.
  • Glaubt mein Umfeld an mich? Mehr als je zuvor.
  • Wachsen wir gemeinsam? Nicht gleichermaßen.
  • Stärken wir einander? Nicht immer.
  • Werden wir zur Einheit? Wir stehen am Anfang.
Plötzlich beobachte ich mich, wie ich während dem Spiel mir die Zeit nehme, diese Aspekte genauer zu beleuchten. Und da frage ich mich, was sind meine nächsten Schritte? Welchen Beitrag kann ich leisten, um mich selbst, mein Umfeld, Teams und Unternehmen so zu führen, zu coachen, zu formen? Und da sehe ich ein Meer voller Möglichkeiten. Ein Licht am Ende dieser Erkenntnisse. Und der Konflikt in mir transformiert sich zu Freude, Hoffnung und Vertrauen.

Und doch bleibt auch eine Verzweiflung zurück. Nämlich, dass es mir nicht möglich war, dieses Spiel voll und ganz zu genießen. Weil mein Kopfkino sein eigenes Programm gewählt hatte. Ich habe das Gefühl, dieses Spiel nicht ausreichend gewürdigt zu haben. Und später höre und lese ich Enttäuschung von Herr und Frau Österreicher, ob des (vermeintlichen) Scheiterns. Und sofort ergreife ich Partei für das Team. Weil sie in so kurzer Zeit so sensationell gut geworden sind. Und weil es hier m.E. um mehr geht als ‚nur‘ dieses Spiel. Es geht um die großartige Entwicklung des Teams, die Vorbildwirkung des Trainers und die Einheit, die plötzlich weit über das Fußballfeld, über Grenzen, Religionen und Generationen hinausgeht.

Konflikt-Barometer

Das Konflikt-Barometer ist der nicht wissenschaftliche Versuch einer Bewertung von Konfliktsituationen. Es können je nach Ausprägung bis zu 3 Dynamitstangen bzw. Friedenstauben vergeben werden.

  • Involvierte Personen:🧨🧨
  • Eskalation:🧨
  • Relevanz:🧨🧨🧨
  • Mögliche Empathie: 🕊️🕊️🕊️
  • Lösungsoptionen: 🕊️🕊️🕊️
  • Erzielbarer Kompromiss: 🕊️
Was tragen Sie dazu bei, um eine Einheit zu schaffen? Nehmen Sie diese Konflikte bewusst wahr? In welcher Rolle sind Sie dabei? Wie, finden Sie Lösungen?
Weitere Konflikt-Stories, spannende Beiträge und Angebote für Mediation finden Sie bei www.proconsens.at. Vielen Dank an Jürgen Dostal für die Einladung zu diesem Gastbeitrag. Es war mir eine Freude!